Auszugsfernrohre

Auszugsfernrohre

 

Bild 1 zeigt ein typisches Auszugsfernrohr des 19.Jh.

 

 

Bild 1:  Auszugsfernrohr 25x45, wahrscheinlich Mitte des 19.Jh.  

 

Ausgezogen hat das Fernrohr eine Länge von 85cm. Der vordere Tubus des Fernrohrs ist aus Holz, die einzelnen Auszüge sind aus Messing. Auf dem Fernrohr befindet sich kein Hinweis auf den Hersteller. Es dürfte sich bei diesem Fernrohr um ein Exemplar handeln, das leistungsmäßig in die Spitzengruppe der damaligen Auszugsfernrohre eingeordnet werden kann. Das Fernrohrbild wird subjektiv als scharf empfunden. Man sieht z.B. mit dem Fernrohr ein detailreiches Mondbild (wobei das Fernrohr auf einem entsprechenden Stativ montiert sein muss), das keinerlei Unschärfe zeigt. Im Vergleich mit einem auf 45mm abgeblendeten modernen Refraktor mit ähnlicher Vergrößerung fällt allerdings auf, dass das Mondbild im Auszugsfernrohr nicht so kontrastreich wie im Refraktor ist. Dies ist allerdings bei der Anzahl der unvergüteten Linsen nicht anders zu erwarten. Die Venus zeigt sich bei entsprechender Phase als scharfe Sichel, das Jupiterbild ist eine klar definierte Scheibe. Für einen detaillierten Sterntest ist die Vergrößerung allerdings zu gering. Trotzdem kann dem Fernrohr eine gute Abbildungsleistung attestiert werden. Negativ fällt allerdings das bei Auszugsfernrohren übliche kleine Feld auf. Dies beträgt nur etwa 1°.

Bild 2 zeigt den letzten Auszug mit Umkehrsystem und Okular.

 

 

Bild 2: Letzter Auszug des Auszugsfernrohrs aus Bild 1 mit demontierten zweilinsigem Umkehrsystem (im Bild oben links) und zweilinsigem Okular (im Bild oben rechts) 

 

Das Objektiv ist ein zweilinsiger Achromat mit einem Durchmesser von 45mm und einer Brennweite von 520mm. Das demontierte Objektiv zeigt Bild 3.

 

 

 

Bild 3: Objektiv des Auszugsfernrohrs aus Bild 1  

 

Die beiden inneren Radien der Objektivlinsen sind gleich, sie passen ohne Newtonringe zusammen. Die Linsen waren ohne Abstandsplättchen in der Fassung montiert. Da sich bei älteren Auszugsfernrohren dieser Größe für gewöhnlich Abstandsplättchen zwischen den Linsen befinden, könnte man vermuten, dass diese verloren gegangen sind. Ein Luftabstand ist bei Objektiven mit ungleichen inneren Radien erforderlich. Ein Objektiv mit ungleichen inneren Radien erlaubt eine bessere Korrektur des Bildfeldes als ein Objektiv mit gleichen Radien, da ein zusätzlicher wirksamer Freiheitsgrad für die Korrektur zur Verfügung steht. Da ein geringer Luftabstand bei gleichen Radien praktisch keinen Korrekturvorteil bringt, würde es keinen Sinn ergeben, wenn das Objektiv einen Luftabstand gehabt hätte –  der Aufwand für die erforderliche aufwändige Montage des Objektives wäre absolut überflüssig. Auch lässt die Fassung darauf schließen, dass keine Abstandsplättchen vorhanden waren. Die dickere Flintglaslinse (im Bild die untere Linse) befand sich als erste Linse in einem Ring (im Bild 3 der Messingring rechts neben den Linsen). Der Rand des Rings ist dabei nur wenige zehntel Millimeter höher, als die Flintglaslinse dick ist, so dass die dünne Kronglaslinse noch gerade so ohne zwischen liegende Abstandsplättchen gehalten wird.

Es kann deshalb eher vermutet werden, dass das Objektiv ursprünglich einmal verkittet war. Es finden sich am Objektiv allerdings keine Spuren, die darauf hindeuten. Das Objektiv funktioniert auch unverkittet tadellos.

 

Bild 4 zeigt ein Fernrohrobjektiv, das lediglich aus einer Linse besteht.

 

 

Bild 4: Einfaches Fernrohrobjektiv aus einer Linse mit der aufgeschnittenen Fassung

 

Die Objektivlinse befand sich in einer Fassung aus Messingblech. Da die beiden Fassungshälften zusammen gebördelt waren, musste die Fassung aufgeschnitten werden um die Linse entnehmen zu können. Die Linse ist nicht sauber rundiert, sondern lediglich in eine annähernd runde Form gebröckelt wurden. Offenbar gab es auch im 19.Jh. einen Markt für Billigfernrohre.

Das Objektiv hatte einen freien Durchmesser von 29mm und eine Brennweite von 318mm. Als Einzellinse erzeugt das Objektiv ein Bild mit erheblichem sekundärem Spektrum. Das Fernrohr, aus dem das Objektiv stammt, war nur als Fragment erhalten geblieben, ohne Umkehrsystem und Okular. Ein Testaufbau der Linse in einer Pappröhre mit einem modernen 30mm Plössl Okular zeigte dann auch Bilder mit sehr starken Farbrändern. Trotzdem sieht man mit so einem Fernrohr erheblich mehr als mit bloßem Auge, es ist also durchaus brauchbar, die recht „bunten“ Bilder sind aber gewöhnungsbedürftig.

 

Ein sehr leistungsfähiges Auszugsfernrohr der Emil Busch A.-G. zeigt Bild 5.

 

 

Bild 5: Auszugsfernrohr 35x51 Emil Busch A.G. Rathenow, Anfang 20.Jh. Im Bild vorn ist eine Rohrschelle zu sehen, an die wahlweise eine Baumschraube oder eine runde Platte mit Fotogewinde angebracht werden kann   

 

Das Fernrohr besteht aus Aluminium und ist dadurch relativ leicht. Es ist schwarz lackiert und der vordere Tubus ist mit Leder überzogen. Es besitzt eine ausziehbare Sonnenblende. Das Objektiv ist ein Luftspaltachromat mit Abstandsplättchen (Bild 6).  

 

 

Bild 6: Objektiv des Auszugsfernrohrs 35x51 der Emil Busch A.G.

 

Die Abbildungsleistung des Fernrohrs ist sehr gut, die Mechanik ist solide. Das Fernrohr kostete 80 Mark und war damit ungefähr so teuer wie ein 6x24 Prismenfeldstecher.

 

In den sechziger Jahren des 20.Jh. wurden von der Firma B. Nickel, Marburg/Lahn Auszugsfernrohre mit variabler Vergrößerung angeboten. Bild 7 zeigt ein Exemplar mit 40mm Objektivöffnung und einer variablen Vergrößerung zwischen 20 und 40-fach.

 

 

Bild 7: Auszugsfernrohr Supra 20-40/40 der Firma B. Nickel, Marburg/Lahn

 

Bild 8 zeigt den letzten Auszug des Fernrohrs.

 

 

Bild 8:  Detailansicht letzter Auszug des Supra

 

Die Vergrößerung konnte durch Drehen eines Rändelrings am Okular eingestellt werden (im Bild 8 rechts, es ist eine 35-fache Vergrößerung eingestellt). Da die Auszugslänge von der Vergrößerung abhängig war, befinden sich auf dem letzten Auszug Marken, die die Auszugslänge bei der jeweiligen Vergrößerung anzeigen. Scharf gestellt werden konnte mit einem Rändelring am Ende des vorletzten Auszugs (im Bild befindet sich dieser Ring zwischen der Marke 35 und der Firmenbezeichnung - das Fernrohr ist nicht vollständig ausgezogen). Diese Einstellung erlaubt eine bessere Fokussierung als die sonst bei Auszugsfernrohren übliche Fokussierung über die Veränderung der Auszuglänge durch einfaches Verschieben. Das Fernrohr besitzt ein Fotogewinde zur Befestigung auf einem Stativ. Das Bildfeld ist, wie bei Auszugsfernrohren üblich recht klein, die Abbildungsqualität ist sehr gut.

  

Zeiss Jena hatte in den achtziger Jahren des 20.Jh. ein Auszugsfernrohr neu auf den Markt gebracht (Bild 9).

 

 

Bild 9:  Das AZF 15x30 von Carl Zeiss Jena

 

Das Konzept der Auszugsfernrohre war am Ende des 20.Jh. total überholt. Bis etwa zur Mitte des 20.Jh. waren Jahrhunderts Prismen noch relativ teuer. Dies war sicher der wesentlichste Grund dafür Auszugsfernrohre zu bauen. Am Ende des 20.Jh. war die Technologie der optischen Fertigung allerdings so weit, dass Prismen als relativ billige Massenprodukte zu Verfügung standen. Aufgrund der Vorteile, die Spektive mit Prismenumkehrsystem haben, war es für eine Firma Zeiss eigentlich nicht sehr sinnvoll ein Auszugsfernrohr neu auf den Markt zu bringen. Auszugsfernrohre werden zwar als Nostalgie- und Piratenfernrohre nach wie vor produziert. Diese sind aber eher im Bereich der Billigprodukte angesiedelt. Das AZF 15x30 war von der optischen und mechanischen Qualität wesentlich besser als diese Billigprodukte. Um zu verstehen, warum Zeiss Jena dennoch ein solches Fernrohr herausgebracht hat, muss man die besonderen Verhältnisse in der damaligen DDR betrachten. Es war alles knapp, die Bevölkerung war mit Konsumgütern unterversorgt. Die volkseigenen Betriebe wurden deshalb im Zuge der sozialistischen Kommando und Planwirtschaft dazu verpflichtet, eine bestimmte Menge Konsumgüter zu produzieren. Dadurch entstanden dann so seltsame Produkte wie das AZF 15x30. Mit der Produktion dieses Fernrohrs wurden zwar wertvolle Resourcen verschwendet und das Fernrohr war auch eher ein Ladenhüter, es konnte aber als produziertes Konsumgut abgerechnet werden.